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IM SPANNUNGSFELD VIELFÄLTIGER ANFORDERUNGEN

Rudolf Hammerschmidt

Rudolf Hammerschmidt

15. März 2021

Rudolf ist Landwirt in Brandenburg und geht mit dem Fortschritt. Auf seinen Feldern baut er neben Hanf jetzt auch Blühwiesen mit Vielfeld an.

Die Landwirtschaft steht heute in einem Spannungsfeld diverser Anforderungen, die teilweise in Zielkonflikten münden. Die wichtigsten Anforderungen sind:

Die Landwirt:innen sollen…

  • gut ausgebildet sein.
  • gute Arbeitsplätze & -bedingungen bereitstellen.
  • möglichst wenig Fläche beanspruchen, da durch Siedlungsbau, Infrastrukturvorhaben & Naturschutz ebenfalls Fläche benötigt wird.
  • dabei aber ausreichend & qualitativ hochwertige Nahrungsmittel produzieren.
  • gleichzeitig nachhaltig & ressourcenschonend mit der ihnen zur Verfügung stehenden Fläche umgehen.
  • die Vielfalt an Flora & Fauna insbesondere Insekten bewahren und nach Möglichkeit sogar steigern.
  • zum Schutz des Klimas beitragen.
  • eine Kulturlandschaft bereitstellen, die der Erholung & Bereicherung der Bevölkerung dient.
  • das dörfliche Leben fördern.

Aus all den oben genannten Anforderungen ergeben sich bereits mehrere Zielkonflikte.

Das Märchen vom „Kleinen Bauern“

Fläche ist nicht vermehrbar. Mit der Reduzierung von landwirtschaftlich nutzbarer Fläche aufgrund von Infrastruktur- und Siedlungsbau sowie Naturschutz, geht in der Regel auch eine Reduzierung des Nahrungsmittelangebots und damit auch des landwirtschaftlichen Einkommens einher. Doch gerade wenn gut ausgebildete Landwirt:innen gefordert werden, müssen diese auch entsprechend verdienen können. Dies ist zu gegebenem Zeitpunkt allerdings nur auf zwei Wegen möglich, ohne das Einkommen vollständig auf diverse Agrarförderungen stützen zu müssen. Entweder müssten Konsumenten bereit sein, wesentlich mehr für regionale Lebensmittel zu zahlen oder ein:e Landwirt:in bewirtschaftet größere Flächen und setzt auf Skaleneffekte. Ist weder das eine noch das andere möglich, wird es die nachfolgenden Landwirtsgenerationen nicht mehr in die praktische Landwirtschaft ziehen. Stattdessen wandern die Landwirt:innen der Zukunft ab in andere Wirtschaftsbereiche, in welchen sie bessere Möglichkeiten und Verdienstaussichten haben, um einer Familie genug finanzielle Sicherheit zu geben. Diese existentiellen Fragen sind in der Landwirtschaft sehr real. „Wachse oder weiche“ heißt es hier schon lange drohend.

Dies zeigt sich unter anderem an dem massiven Rückgang von landwirtschaftlichen Betrieben, welche eine Landfläche < 100 Hektar bewirtschaften. Zurzeit machen sie noch knapp 85% der Höfe in Deutschland aus, Tendenz abnehmend. Allein seit der Jahrhundertwende – also in nur 20 Jahren – haben Betriebe solcher Größe einen dramatischen Rückgang von über 50% zu verzeichnen. Diese Zahlen drücken einen Strukturwandel in der Landwirtschaft aus, der seit der Industrialisierung in Gange ist und seit 1950 noch mal einen zusätzlichen Schub bekommen hat.

Die Folgen der unzufriedenstellenden Einkommensaussichten ziehen zudem weite Kreise. So sind auch gut bezahlte Arbeitsplätze zur Stärkung der ländlichen Räume nur möglich, wenn die Landwirtschaftsbetriebe entsprechende gute Einkommensmöglichkeiten haben und infolgedessen auch für andere stellen können. Ebenso ist wirtschaftliche Stärke essentiell, um ressourcenschonend zu wirtschaften. Denn es braucht teure Technik – Stichwort Präzisionslandwirtschaft – und gut ausgebildete Landwirt:innen, um mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln effizient und sparsam umzugehen. Damit sich diese hohen Kosten, vor allem auch aus dem Bereich Digitalisierung, gut verteilen, braucht es also auch hierfür pro Betrieb große Flächen. Und so schließt sich der Kreis im Kampf um die Fläche als Garant für das Überleben und die Möglichkeit, sich faire, nachhaltige und ressourcenschonende Landwirtschaft leisten zu können.

Die deutsche Landwirtschaft mit globaler Verantwortung

Um die Weltbevölkerung zu ernähren muss Landwirtschaft betrieben werden. Und man darf sich keinen Illusionen hingeben; Landwirtschaft hat immer Auswirkungen auf die Flora und Fauna und auch das Klima – konventionelle sowie ökologische. Es kann nur darum gehen die Auswirkungen, insbesondere im globalen Kontext, möglichst gering zu halten. In Mitteleuropa befinden wir uns klimatisch in einer landwirtschaftlichen Gunstregion. Hier können, aufgrund von stetiger Wasserverfügbarkeit und vergleichbar moderaten Temperaturen, hohe Erträge pro Hektar erzielt werden, so dass der landwirtschaftliche Flächenverbrauch zur Nahrungsmittelproduktion relativ geringer ist als anderswo auf unserem Planeten. Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung Deutschlands, für die Nahrungssicherheit vieler Menschen – auch außerhalb Europas – zu sorgen und erklärt die hohen Exportmengen von Getreide.

Daher müssen wir Landwirtschaft, Artenschutz und Klimaschutz auch global betrachten! Wenn bei der heimischen Landwirtschaft Fläche extensiviert wird oder komplett aus der landwirtschaftlichen Nutzung geht, steigt anderswo in der Welt der Anreiz, die landwirtschaftliche Nutzung dort ausgleichend zu intensivieren. Nicht selten werden hierfür sogar neue Flächen in wesentlich umweltsensibleren Regionen, welche häufig eine reiche Biodiversität aufweisen, in die landwirtschaftliche Nutzung genommen. Dies hat entsprechend gravierende Auswirkungen auf die dortige Flora und Fauna und nicht zuletzt auch auf das Klima. Als Beispiel seien hier die Abholzungsaktivitäten in den Regenwäldern Südamerikas genannt.

Wie wir hier in Deutschland Landwirtschaft betreiben, muss also ganzheitlich und auf keinen Fall ideologisch betrachtet werden. Es dürfen nicht nur einzelne Fragmente politisch behandelt werden.

Beispiel Glyphosatverzicht: Es ist abzusehen, dass der Verzicht auf Glyphosat eine höhere mechanische Bodenbearbeitungsintensivität nach sich ziehen wird. Damit einher geht ein höherer Kraftstoff- sowie Wasserverbrauch durch Verdunstung, was wiederum zu niedrigeren Erträgen führt. Die Klimaauswirkungen sind durch diese – scheinbar durch Ideologie getriebene oder zumindest nicht zu Ende gedachte - politische Entscheidung also in der Gesamtbilanz negativer als die Anwendung des Pflanzenschutzmittels zuvor. Auch die Bodenfauna wird durch eine höhere Bodenbearbeitung beeinträchtigt.

Die größtmögliche Schnittmenge der oben genannten Anforderungen wird man folglich nur durch ganzheitlich betrachtende und ideologiefreie politische Entscheidungen erreichen.

Die Landwirtschaft der Zukunft

Um möglichst wenig Fläche zu beanspruchen und dabei die Versorgung mit ausreichend und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln zu sichern und außerdem die Auswirkungen auf das Klima und die Beeinträchtigung der tierischen und pflanzlichen Artenvielfalt im globalen Kontext möglichst gering zu halten, muss die heimische Fläche möglichst effizient genutzt werden. Das bedeutet, ganz ohne eine intensive Bewirtschaftung wird es langfristig nicht gehen - gerade auch im Hinblick auf ein voraussichtlich weltweit weiter zunehmendes Bevölkerungswachstums. Dazu sind eine gute Ausbildung, Wissenschaft und fortschrittlicher Technikeinsatz von enormer Wichtigkeit, um weiterhin möglichst hohe Erträge bei möglichst geringer Schadwirkung zu erlauben. Wir brauchen eine Landwirtschaft, die zukunftsfähig ist und von der Landwirt:innen auch leben und dessen Wettbewerbsfähigkeit mitgestalten können. Dies fördert dann auch gesunde landwirtschaftliche Betriebe, die Bereitstellung von Arbeitsplätzen und somit auch lebendige ländliche Räume.

Aufgrund der Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittelversorgung, Infrastruktur, Energieversorgung und Siedlungsbau steht dem Schutz der heimischen Artenvielfalt nur wenig Fläche zur Verfügung. Deshalb sollten die knappen heimischen Naturschutzflächen bestenfalls so angelegt werden, dass auf diesen Flächen ein möglichst hoher ökologischer Nutzen entsteht. Das Projekt von Vielfeld, Verluste über Blühpatenschaften auszugleichen, unterstützt dabei, die dargestellten Zielkonflikte aufzulösen. Durch die finanzielle Unterstützung der Pat:innen werden die Landwirt:innen in die Lage versetzt, die knappen Flächen durch hochwertige Blühmischungen oder das zusätzliche Anlegen von Beetlebanks mit einem maximal hohen ökologischen Nutzen bereitzustellen.

Um das offene Gespräch zu fördern, möchte Vielfeld ein buntes Stimmungsbild aus der Landwirtschaft wiedergeben. Nicht immer entsprechen die Inhalte von Gastbeiträgen auch unbedingt der Meinung der Redaktion.

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